Wir sitzen in der Lodge einer Crocodile Farm in der Gegend von Durban, Südafrika. Mittagessen ist angesagt. Die Speisekarte ist nicht berauschend, aber ein Gericht sticht uns sofort ins Auge: Fear Factor Lunch. Das klingt ja spannend...
Ist es auch. Es handelt sich um "Crocodile Sticks", kleine gegrillte Stückchen am Spiess. Serviert im Krokodilgehege. Back to the roots quasi. Man lässt sich ja als Tourist zu so manchem Blödsinn verführen und schon setzte ich meine Unterschrift auf zwei Bögen mit Kleingedrucktem. Mein Testament? "Don't worry, it's just some legal stuff". Ah ha.
Dann geht's los. Mit einer Entourage von 5 Wärtern betreten wir das erste Krokdilsgehege. Zwei müssen wir durchwandern, damit wir zu unserem Mittagessen kommen. Ob es irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen zu beachten gilt, frage ich einen der Wärter. Ein breites Grinsen ist die Antwort... "No. Except: if I tell you "run", you run - as fast as you can. There is an emergency exit right behind your table". OK, klingt einleuchtend. Rennen ist ja nicht so schwer. Etwas enttäuschend ist doch, dass die Wärter nur Holzstangen dabei haben. Keine Gewehre?
Im ersten Gehege befinden sich lauter kleine putzige Krokodile. Irgendwie fast süss... "Get trough fast, they're a bit agressive" treiben uns die Wärter weiter. Echt? So klein und schon aggressiv?
Das zweite Gehege ist leer. Obwohl es relativ gross ist und einen riesen Teich hat. "Isn't this a bit of a waste of space?" frage ich. "This pond is for one alligator only, we separated him because he's twice the size of all others. You can't see him know, he may be in the water". Oh. Ich hoffe, mein (gefühltes) dümmliches Grinsen kommt (von aussen betrachtet) echt cool rüber und wir stapfen weiter in das nächste Gehege. Da steht auch unser Tisch. Und wo sind die Krokodile? Ah, da sind sie ja. Ach ja, so cirka 20 werden es schon sein. Oder eher 30? 50? Jetzt schön locker zum Tisch schlendern und nur keine ruckartigen Bewegungen... da wartet auch schon unser Essen. Schön mit Tischdecke, auf Porzellantellern angerichtet, mit Messer und Gabel (ha! eine Verteidungswaffe!) und zwei Cola mit Strohhalm. Hmm, bon appetit.
Nach einer Weile stellt sich Entspannung ein. Die Viecher bewegen sich keinen Millimeter. Wie in Stein gemeisselt liegen sie da, mit offenen Mäulern - irgendwie surreal. Alles unter Kontrolle. Ich ertappe mich dabei, wie ich die zuvor krampfhaft unter der Bank versteckten Beine (als ob das irgendwas helfen würde...) entspannt ausstrecke. Obwohl das erste Tier keine 2 Meter von mir entfernt daliegt. Starr und bewegungslos. Und schon gleitet die anfängliche Nervosität über in ein trügerisches Gefühl von Triumph... und wir beginnen Witze zu machen. Halten die Spiesse hoch in der Hand und rufen "Hey, is this your auntie? Ooh, I'm soooo sorry, but let me tell you, she's really great! Tastewise.." Gelächter auf allen Seiten, auch die Wärter lachen mit. Ob über den Witz oder über uns? Ich könnte jetzt glatt eine Zigarette rauchen und mir einen Latte Macchiato bestellen. Wird uns am Ende noch fad werden? Nein eher nicht. Der Triumph währt nur kurz, denn plötzlich kommt Bewegung ins Gehege. Zwei Krokodile im hinteren Teil beginnen zu streiten? Zack, zwei, drei unfassbar schnelle Bewegungen, ein drittes löst sich von der Gruppe und gleitet in den Teich und schon kehrt wieder Ruhe ein. Auch bei uns.
Die Realität hat uns wieder. Ganz eindeutig. Von wegen in Stein gemeisselt. Von wegen alles unter Kontrolle. "If I tell you "run", you run - as fast as you can" kommt mir wieder in den Kopf. Vielleicht sollte ich mir meine Schlapfen ausziehen - wie schnell kann ich mit denen rennen?
Plötzlich haben wir dann doch keinen Hunger mehr und beschliessen, unser Glück nicht weiter herauszufordern. Abmarsch. Diesmal nicht retour durch die Gehege sondern durch den Notausgang hinter uns. Drei, vier Schritte. Geschafft - in Sicherheit! Ach, na ja, war jetzt ja eigentlich eeeh nicht sooo wirklich aufregend ;-)
Die Belohung für unser gefährliches Abenteuer folgt in Form einer ausgedruckten Urkunde, die besagt "You survived to tell the legend".
Was ich hiermit getan habe...