Naschmarkt-Erlebnisse I

"Also, I versteh' des jo übahaupt net. Wos woll'n die eigentlich olle? An Spargel oder Tomaten und Erdäpfel gibt's eh überall... und dabei hob'n m'a jo des Belvedere, des is schee. Oder da Stadtpark".

Frau E. schüttelt unverständlich den Kopf und schaut sehr missmutig. Wir auch. Soeben haben wir uns in ihren Marktstand geflüchtet, mit Müh und Not "überlebt", könnte man fast sagen. Es ist Samstag, es ist sträflich spät (13.30) und wir sind am Naschmarkt. Keine gute Idee...

Entweder kommt man wochentags hier her oder man quält sich am Samstagmorgen früh genug aus dem Bett und sieht zu, dass man so gegen acht, halb neun (spätestens) da ist. CIMG0541-Kopie1Dann herrscht noch Ruhe vor dem Sturm, jene wunderbare Atmosphäre, wofür ich den Naschmarkt eigentlich liebe. Allenortens geschäftiges Markttreiben, die Standler sind noch entspannt und freundlich und wir sind noch unter uns. Die Verkäufer und die Käufer. Jene, die tatsächlich mit Korb oder Einkaufstasche in der Hand durch die Stände spazieren, gustieren und einkaufen.


Ein paar Stunden später ist davon nichts mehr zu bemerken...

Von einem üppigen Wiener Frühstück oder Continental Breakfast - je
nach Herberge - gestärkt, marschieren ab circa zehn Uhr die ersten Touristenhorden in den Naschmarkt ein. Satt gegessen, aber äußerst erlebnishungrig. Ihr Plan ist es nicht, zu konsumieren oder etwas zu kaufen sondern zu schauen. Ich bin nicht sicher, ob wirklich JEDER Reiseführer von Wien den Naschmarkt als eine der Top 10 Sehenswürdigkeiten anpreist. Die Mehrheit aber ganz sicher...

Vor eben solcher Horden sind wir also jetzt in den Stand geflüchtet. Eigentlich wollten wir uns ja in der vordersten Reihe den Marchfelder Spargel genauer ansehen (sündteuer, aber die Saison ist ja kurz...). Das gestaltete sich aber fast als ein Ding der Unmöglichkeit. Wir waren zwar schon erfolgreich genug, uns durch den Strom der Massen durchzukämpfen und vor dem Stand stehen zu bleiben. Jedoch hatten wir nicht mit jenen Gästen aus dem hohen Norden gerechnet, die (tatsächlich) für ihre Lieben zuhause ein paar einzigartige Impressionen aus Wien mitbringen wollten. "He Sie, könnten S'e da mal eben auf die Seite gehen? Mann, das neeervt - die ganzen Leute da." Klick, schon wird der Spargel fotografiert. Und die Tomaten. Frau E. hat unrecht. Ihr Gemüse ist wohl doch recht einzigartig...

"Drei Kundschaften hob'n si heit scho beschwert. Nochan kummen die des nächste moi vielleicht gar nimma mehr bis do her" klagt uns Frau E. ihr Leid und schaut nochmals böse nach draußen. "De kafn jo nix. Nix wia schaun, olles a'daptschn, oba nix kafn, des hamma gern". Wir nicken verständnisvoll und ordern Spargel. Den teuersten natürlich. Irgendwer muss ja darauf schauen, dass Frau E. heute noch zu Umsatz kommt...


PS: Ein spannender Gedanke, sich auch mal umgekehrt eine Invasion typisch österreichischer Touristen am Hamburger Fischmarkt vorzustellen... ;-)))

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